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Check an die Bande

 

16.05.2018 / St. Gallen

 

Es gibt Kinderstücke, die bleiben tragischerweise immer aktuell. Die Geschichte von Waisenkindern aus dem Balkan hat eine traurige gesellschaftspolitische Komponente. Denn nicht nur bei der «Roten Zora» gibt es Kinderbanden – in vielen Gegenden der Welt gibt es das auch heute noch gelebte Realität.

 

Kinderheldin In der Aufführung im «Kindermusical Storchen» brilliert Naemi Herzig als «Zora» – die Rolle ist ihr auf den Leib geschrieben. Auffällig: Die jungen Rebellinnen, sie haben einen Stammplatz im «Kindermusical Storchen». Nach Pippi Langstrumpf jetzt also die Rote Zora, Gemeinsamkeiten: Rote Haare, nonkonformer Lebensstil, schüchterne «Gspänli», die sich an der starken Hauptfigur aufbauen können. Auf die scherzhafte Frage, ob denn auch einmal etwas für die braven Mädchen wie etwa eine Barbie-Aufführung geplant sei, verdreht die Künstlerische Leiterin Bettina Kägi die Augen. «Nein, solche Rollenbilder wollen wir nicht vermitteln», meint sie. «Die Kinder im Stück stehlen, um zu überleben. Das ist kein Ponyhof, aber dafür ein eindrucksvolles Statement zu Liebe und Freundschaft.» Das Püppchen, es wird bei Chanel ausgebildet, nicht bei Bettina Kägi. Schon gar nicht bei der «Roten Zora»: Denn sie ist die Anführerin der Bande, sie hat «die Hosen an.» Damit wird ein starkes Frauenbild gezeigt - eine Aussenseiterin, die sich trotz widrigen Umständen durchsetzt und die trotz der Not das Gebot der Solidarität als höchstes Gut betrachten. Das heisst auch Würde zu bewahren, den Stolz nicht zu verlieren, dem Establishment entgegen zu treten. Millionen Kinder liessen sich schon von der Anführerin begeistern. Ihre Unerschrockenheit und Mut funktionieren auf der ganzen Welt. Die verfallene Burg, in der die Bande haust, steht zwar für Aussenseitertum, aber doch auch für Freiheit. Etwas, das viele Kinder im durchgeplanten Zeitalter nicht mehr haben.

 

Aus blond wird rot

Naemi Herzig ist jetzt nicht unbedingt die junge Dame, die imagemässig dem entsprechen will, was ihr Nachname aussagt. Denn «herzig» ist zwar ihr Outfit, doch ansonsten ist die junge Lady knallhart unterwegs. Denn neben der Schauspielerei betreibt sie auch erfolgreich Tennis – «Ich gehöre zu den zehn besten Spielerinnen der Schweiz in meinem Jahrgang» – und als ob das noch nicht genug wäre, ist sie auch noch knallharte Eishockey-Spielerin bei den Eisbären St.Gallen. «Tscheggsch dä Pögg?» – keine Frage für Naemi Herzig. Sie ist in vielen Disziplinen zuhause, der Weg ist offen, welche von den drei Leidenschaften irgendwann überhandnimmt. Im Alter von elf Jahren darf man noch «pröblä». Die Rolle der Roten Zora entspricht dabei ihrer Persönlichkeit: «Ich bin auch in der Schule meist die Anführerin und lege grossen Wert darauf, dass es gerecht zu und her geht», zeigt sie klare Kante. «Es spielt keine Rolle, ob man ein Mädchen oder ein Junge ist. Wir alle haben die gleichen Rechte», verblüfft die Jungschauspielerin mit einer Reife, die andere auch Jahrzehnte später noch nicht ihr eigen nennen. Bettina Kägi stösst ins  gleiche Horn. «Es ist absurd, dass man für die gleiche Tätigkeit nicht dasselbe bekommt», spielt sie auf den Lohnunterschied zwischen Frau und Mann an. Das starke Frauenbild, es ist etwa auch bei zukünftigen Lohnverhandlungen wichtig. Das braucht Selbstbewusstsein und die «Rote Zora» hat viel davon. «Naemi ist intelligent und kann  sich durchsetzen», so Bettina Kägi.

 

Rollenbilder zersetzen

Auch heteronormative Verhaltensweisen werden in Frage gestellt, als sich Zora schminkt, um einen Jungen zu beeindrucken. Doch der will sie lieber natürlich, wild und unabhängig.  Eine wertvolle Message in unserer durchgestylten Zeit, in der man bei vielen «Püppchen» die Unterschiede kaum mehr erkennt. Solidarität, Gerechtigkeit, Kampf gegen das Böse: Klassische Themen. Genauso klassisch ist, dass die bösen Figuren im Stück  immer hässlicher sind als die guten wie eben die Hauptdarstellerin. «Momo» war intellektuell, «Pippi Langstrumpf» hats schon krachen lassen und bei der Roten Zora «chlöpfts und tätschts», wie sich Bettina Kägi lachend ausdrückt.  Die obdachlosen Kinder dieser Welt, sie bleiben ein gewaltiges Problem. Für Naemi Herzig ist eines klar: «Ich helfe anderen immer und teile gerne.» Eigentlich ist sie blond, doch bei Ungerechtigkeit sieht sie rot. Deshalb passt das auch mit der Haarfarbe im Stück. Das «Schlägere» der Buben, das sie manchmal beobachtet, findet sie nicht so toll. Sollen bloss drauf achten, dass sie nicht in den Weg von Naemi Herzig kommen. Sonst gibt’s einen Check an die Schulmauer. Was hat die junge Dame von der «Roten Zora» gelernt?

 

«Ich muss mich nicht verändern und darf so bleiben, wie ich bin»,  meint die Nachwuchshoffnung. Mal sehen, wo ihr Weg hinführt. Ein Schlägertyp ist sie nur bei der Wahl des Eishockey-Stocks. Ansonsten aber ist sie eine ganz Liebe. Wenn denn alles gerecht zugeht. Die «Rote Zora» – jetzt im «Kindermusical Storchen».

 

                                                 

 

Quelle: St. Galler Nachrichten/René Alder; alle Bilder: Renè Alder